Du sitzt im Elterngespräch und hörst Worte, die du nicht mehr hören willst: „Ihr Kind stört den Unterricht.“ „Er kann sich nicht konzentrieren.“ „Sie ist aggressiv gegenüber anderen Kindern.“ Du nickst, du versprichst Besserung, du fährst nach Hause mit einem Knoten im Magen. Und einem Gedanken, der sich anfühlt wie Versagen: Was mache ich falsch?
Vielleicht war es auch kein Elterngespräch. Vielleicht sind es die Bauchschmerzen jeden Montagmorgen. Die Wutausbrüche beim Abendessen. Das Einnässen, das plötzlich wieder anfängt. Das Kind, das sich weigert, in die Schule zu gehen oder das so brav und angepasst ist, dass es fast unsichtbar wird.
Dieser Beitrag ist für alle Eltern, die spüren, dass etwas nicht stimmt und ahnen, dass die Antwort nicht in Erziehungsratgebern liegt. Er zeigt, warum Kinder keine Probleme haben, sondern Probleme zeigen. Und warum die Lösung fast nie beim Kind liegt, sondern bei uns, den Erwachsenen.
Kinder haben keine Probleme, sie zeigen welche
Das ist vielleicht der wichtigste Satz, den Eltern jemals hören können: Dein Kind ist nicht das Problem. Dein Kind ist der Seismograph.
Kinder spüren, was in einer Familie los ist, lange bevor Erwachsene es in Worte fassen können. Sie nehmen die unausgesprochene Spannung zwischen den Eltern auf, die unterdrückte Trauer der Mutter, die stille Überforderung des Vaters. Und weil sie das, was sie spüren, nicht einordnen können, drücken sie es aus mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: mit ihrem Verhalten. Und mit ihrem Körper.
Bernhard Voss, Osteopath, Gestalttherapeut und Begründer der IMpuls®-Methode, beschreibt in seinem Buch Körperspuren einen Mechanismus, der das erklärt: In den ersten sieben Lebensjahren (einschließlich der pränatalen Phase) wird das Nervensystem des Kindes grundlegend geprägt. Diese Prägungen geschehen im impliziten Gedächtnis, im ältesten Teil des Gehirns, der reflexartig und unbewusst reagiert. Das Kind speichert nicht nur eigene Erfahrungen, es speichert die emotionale Atmosphäre seines gesamten Familiensystems.
Kooperation: Das am meisten missverstandene Kindheitsphänomen
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat etwas beobachtet, das die Sichtweise auf „schwierige“ Kinder grundlegend verändert: Kinder kooperieren. Immer. In neun von zehn Fällen wählen sie den Weg der Anpassung, der Zugehörigkeit, der Kooperation mit dem, was das Familiensystem von ihnen braucht.
Das klingt zunächst wie eine gute Nachricht. Aber es hat eine Schattenseite: Wenn ein Kind in einem System aufwächst, in dem bestimmte Gefühle nicht sein dürfen, in dem Wut bestraft, Trauer ignoriert oder Angst heruntergespielt wird –, dann kooperiert das Kind mit genau diesen Regeln. Es unterdrückt die Gefühle, die im System unerwünscht sind. Nicht bewusst. Nicht absichtlich. Sondern aus einem tiefen, biologischen Bedürfnis nach Zugehörigkeit.
„In der Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind ist der Erwachsene für die Beziehungsqualität immer hundertprozentig verantwortlich.“
— Jesper Juul
Und wenn die Kooperationsbereitschaft eines Kindes überfordert wird? Wenn es zu viel tragen, zu viel schlucken, zu viel funktionieren muss? Dann bricht die Kooperation zusammen. Und genau das sehen wir als „schwieriges Verhalten“. Das trotzige Kind, das aggressive Kind, das verweigernde Kind, es hat nicht aufgehört zu kooperieren. Es hat die Grenze seiner Kooperation erreicht.
Voss beschreibt den gleichen Mechanismus aus körperlicher Sicht: Der natürliche Impuls (zur Wut, zur Abgrenzung, zum Nein-Sagen) wird unterdrückt. Die mobilisierte Energie bleibt im Nervensystem. Irgendwann entlädt sie sich, als Wutausbruch, als Rückzug, als körperliches Symptom. Das Kind zeigt nicht, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Es zeigt, dass etwas im System nicht stimmt.
Der Übersetzer: Was Kinder wirklich sagen, wenn sie „schwierig“ sind
Wenn wir lernen, das Verhalten von Kindern als Sprache zu verstehen, verändert sich alles. Jedes „auffällige“ Verhalten ist eine Botschaft, nur eben in einer Sprache, die wir Erwachsenen oft verlernt haben. Hier sind fünf der häufigsten Übersetzungen:
„Ich bin aggressiv“ → „Ich trage eine Wut, die nicht zu mir gehört“
Der siebenjährige Lukas schlägt in der Schule um sich. Zu Hause ist er der Sonnenschein. Seine Eltern sind ratlos. Im Coaching zeigt sich: Lukas‘ Vater unterdrückt seit Jahren seinen Ärger über die eigene berufliche Situation. Er schluckt alles, funktioniert, hält durch. Die Wut, die er nicht lebt, lebt Lukas für ihn, aber an einem anderen Ort, in einem anderen Kontext. Voss beschreibt dieses Phänomen: Organe sind Resonanzkörper für Emotionen. Kinder sind es auch. Sie nehmen die unterdrückte Energie ihrer Eltern auf und bringen sie zum Ausdruck.

„Ich habe jeden Morgen Bauchschmerzen“ → „Ich verdaue die Spannung zwischen euch“
Die neunjährige Mia hat seit Monaten Bauchschmerzen, immer morgens, immer vor der Schule. Der Kinderarzt findet nichts. Die Eltern vermuten Schulangst. Doch Mia hat keine Angst vor der Schule. Sie hat Angst, ihre Eltern allein zu lassen. Denn wenn sie morgens das Haus verlässt, ist niemand mehr da, der die Spannung zwischen Mama und Papa auffängt. In meinem Beitrag über psychosomatische Beschwerden habe ich beschrieben, wie der Körper speichert, was nicht ausgesprochen wird. Bei Kindern geschieht das besonders schnell, denn ihr Nervensystem ist noch formbar, durchlässig, ungefiltert.
„Ich bin so brav, dass ich unsichtbar werde“ → „Ich unterdrücke alles, damit ihr euch nicht sorgen müsst“
Nicht alle Kinder werden laut, wenn etwas nicht stimmt. Manche werden leiser. Die zwölfjährige Emma ist die perfekte Tochter: gute Noten, ordentlich, hilfsbereit, nie ein Wort zu viel. Niemand macht sich Sorgen um Emma. Bis sie plötzlich aufhört zu essen. Oder nachts nicht mehr schlafen kann. Das „brave“ Kind ist kein unkompliziertes Kind. Es ist ein Kind, das seine Kooperationsbereitschaft bis zur Selbstaufgabe treibt. Es hat gelernt: Wenn ich funktioniere, halten Mama und Papa zusammen. Wenn ich Probleme mache, bricht alles auseinander.
„Ich kann mich nicht konzentrieren“ → „Mein Nervensystem ist im Dauerstress“
Voss erklärt: 90 bis 95 Prozent unserer Reaktionen werden vom impliziten Gedächtnis gesteuert, unbewusst, reflexartig, in Bruchteilen von Sekunden. Wenn ein Kind in einem Familiensystem lebt, das unter Spannung steht, bleibt sein Nervensystem im Alarmmodus. Es scannt ständig die Umgebung: Wie geht es Mama? Ist Papa gereizt? Wird es heute Abend Streit geben? Für Mathe und Rechtschreibung bleibt da keine Kapazität. Das Kind „kann sich nicht konzentrieren“, aber nicht, weil etwas mit seiner Aufmerksamkeit nicht stimmt, sondern weil seine gesamte Aufmerksamkeit von etwas anderem gebunden ist.
„Ich will nicht in die Schule“ → „Ich habe Angst, dass zu Hause etwas passiert, wenn ich nicht da bin“
Schulverweigerung wird oft als Faulheit oder Angststörung etikettiert. Doch hinter dem Widerstand steht häufig ein systemischer Zusammenhang: Das Kind spürt, dass es zu Hause gebraucht wird, als Vermittler, als Trostspender, als unsichtbarer Stabilisator. Es ist, was die systemische Therapie Parentifizierung nennt: eine Rollenumkehr, in der das Kind Verantwortung übernimmt, die eigentlich den Eltern gehört. Emotional oder praktisch. Und das Kind tut dies nicht aus einer Position der Stärke, sondern aus Loyalität und Liebe.
Die Vier-Fenster-Perspektive: Warum Ursachensuche beim Kind zu kurz greift
Bernhard Voss hat ein Modell entwickelt, das ich in meiner Arbeit täglich nutze: die Vier Fenster der Medizin. Es besagt, dass jedes Symptom – ob körperlich oder psychisch, von mindestens vier Seiten betrachtet werden muss:
- Das Ich-Fenster (intrapersonal): Was erlebt das Kind innerlich? Welche Gefühle sind da? Welche wurden unterdrückt?
- Das Es-Fenster (extrapersonal): Gibt es medizinische, biologische oder neurologische Faktoren?
- Das Du-Fenster (interpersonal): Wie sind die Beziehungen? Welche Konflikte bestehen zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen?
- Das System-Fenster: Welche Dynamiken wirken im Familiensystem? Welche Muster wiederholen sich über Generationen?
Das Problem in der klassischen Pädagogik und Kinderpsychologie: Meistens wird nur durch die ersten beiden Fenster geschaut. Was stimmt mit dem Kind nicht? Hat es ADHS? Eine Angststörung? Braucht es Ergotherapie? Die Frage nach dem Familiensystem (nach dem vierten Fenster) wird selten gestellt. Und doch liegt dort, in meiner Erfahrung, die häufigste Antwort.
„Die Wahrheit hat vier Fenster. Um das Zusammenspiel von Körper und Psyche integral zu verstehen, sollte ein Symptom von mindestens vier Seiten beleuchtet werden.“
— Bernhard Voss, Körperspuren
In der systemischen Therapie gibt es dafür den Begriff des Symptomträgers: Das Kind, das als „Patient“ identifiziert wird, ist lediglich Träger eines Symptoms, eines Familienproblems. Es zeigt, was im System nicht in Ordnung ist. Gestört ist nicht das Kind. Gestört ist das Gleichgewicht der Familie.
Was Kinder im Körper tragen und woher es kommt
In meinem Beitrag über die Anatomie der Angst habe ich beschrieben, wie unterdrückte Impulse sich im Körper festsetzen: in der Muskulatur, in den Faszien, in den Organen. Bei Erwachsenen braucht dieser Prozess oft Jahre. Bei Kindern geht es schneller.
Das liegt daran, dass sich das kindliche Nervensystem noch in der Entwicklung befindet. Neuronale Bahnen werden gebildet, Reaktionsmuster angelegt, das implizite Gedächtnis programmiert, alles in einer Phase, in der das Kind vollständig von seiner Umgebung abhängig ist. Voss beschreibt es so: Die ersten sieben Lebensjahre, einschließlich der pränatalen Entwicklung, legen das Fundament für alle späteren körperlichen und psychischen Reaktionsmuster.
Was bedeutet das konkret? Wenn ein Kind in einer Familie aufwächst, in der bestimmte Emotionen nicht gelebt werden dürfen, speichert sein Körper diese Unterdrückung:
- Unterdrückte Wut zeigt sich im Bauchraum, als chronische Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme, „Magenkrämpfe vor der Schule“.
- Nicht gelebte Trauer sitzt in der Brust, als Engegefühl, flacher Atem, nächtliches Aufschrecken.
- Unterdrückte Lebendigkeit äußert sich in Antriebslosigkeit, Rückzug, dem Verlust der Spielfreude.
- Fehlende Sicherheit hält das Nervensystem im Alarmmodus: Schlafstörungen, Bettnässen, Hauterkrankungen wie Neurodermitis.
Das Kind hat diese Symptome nicht, weil etwas mit ihm „nicht stimmt“. Es hat sie, weil es mit einer Präzision, die uns Erwachsene beschämt, die emotionale Wahrheit der Familie in seinem Körper abbildet.

Euer Kind zeigt euch etwas – und ihr wollt verstehen, was?
Im Familiencoaching schauen wir gemeinsam hin, nicht um Schuldige zu suchen, sondern um zu verstehen, was das Verhalten eures Kindes über euer Familiensystem erzählt. Mit Körperarbeit, Gestalttherapie und systemischer Aufstellungsarbeit.
Unsichtbare Loyalität: Warum Kinder tragen, was ihnen nicht gehört
Es gibt eine Kraft in Familiensystemen, die mächtiger ist als jede Erziehungsmethode: die Loyalität des Kindes. Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos – und diese Liebe bringt sie dazu, Dinge auf sich zu nehmen, die weit über ihre Fähigkeiten hinausgehen.
In der systemischen Aufstellungsarbeit sehe ich das regelmäßig: Ein Kind übernimmt unbewusst die Trauer einer Großmutter, die es nie kennengelernt hat. Oder es trägt die Schuldgefühle eines Elternteils, der sich nie erlaubt hat, sie zu fühlen. Kinder leben in der tiefen Überzeugung, dass sie nur dazugehören, wenn sie die Last der Familie mittragen. Sie erleben es als Verrat, wenn es ihnen selbst besser geht als den anderen Familienmitgliedern.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Der zwölfjährige Jonas kommt mit chronischen Kopfschmerzen. Kein Arzt findet etwas. In der Arbeit mit der Familie zeigt sich: Jonas‘ Mutter hat ihren eigenen Vater früh verloren und diesen Verlust nie verarbeitet. Sie funktioniert, ist stark, zeigt keine Schwäche. Doch die Trauer ist da, ungesehen, ungesprochen, unfühlbar. Jonas trägt sie für sie. Seine Kopfschmerzen sind der Ausdruck einer Last, die ihm nicht gehört, aber die er aus Liebe übernommen hat.
In meinem Beitrag über Beziehungsmuster habe ich beschrieben, wie solche transgenerationalen Dynamiken funktionieren: Erfahrungen, die in einer Generation nicht verarbeitet werden, setzen sich in der nächsten fort. Bei Erwachsenen zeigen sie sich als wiederkehrende Beziehungsmuster. Bei Kindern zeigen sie sich als Verhaltensauffälligkeiten, körperliche Symptome oder emotionale Belastungen, die scheinbar aus dem Nichts kommen.

Warum Erziehungstipps das Problem nicht lösen
Es gibt Hunderte von Erziehungsratgebern, die dir sagen, was du tun sollst, wenn dein Kind „schwierig“ ist: Konsequenzen setzen. Belohnungssysteme einführen. Klare Regeln aufstellen. Und ja, Struktur und Orientierung sind wichtig für Kinder.
Aber sie greifen zu kurz, wenn das Verhalten des Kindes keine Erziehungsfrage ist, sondern eine systemische Botschaft.
Jesper Juul formuliert es so: „80 bis 90 Prozent der Erziehung passiert zwischen den Zeilen. Wie gehen wir miteinander um als Erwachsene, mit den Kindern, als Paar, wie gehen wir mit anderen Erwachsenen um? Das erzieht.“ Nicht das, was wir sagen, prägt unsere Kinder, sondern das, was wir sind. Unsere innere Verfassung. Unsere ungelösten Konflikte. Unsere unterdrückten Impulse.
Voss bestätigt das aus neurobiologischer Sicht: 90 bis 95 Prozent dessen, was zwischen Eltern und Kindern abläuft, ist unbewusst. Es wird gesteuert vom impliziten Gedächtnis, von Mustern, die in der eigenen Kindheit geprägt wurden. Du kannst dir vornehmen, nicht so zu sein wie deine Eltern und im Moment des Stresses tust du genau das, was du von ihnen gelernt hast. Nicht weil du es willst. Sondern weil dein Nervensystem kein anderes Programm kennt.
Das ist keine Schuldzuweisung. Es ist die Erkenntnis, die alles verändert: Wenn du verstehst, dass dein Kind dein Spiegel ist, wird die Frage „Was stimmt mit meinem Kind nicht?“ zu „Was zeigt mir mein Kind über mich selbst?“
Die Wende: Wenn Eltern anfangen, bei sich selbst zu schauen
In meiner Arbeit mit Familien erlebe ich immer wieder den gleichen Wendepunkt: den Moment, in dem Eltern aufhören, ihr Kind „reparieren“ zu wollen und anfangen, sich selbst zu befragen. Dieser Moment ist unbequem. Er erfordert Mut. Und er ist der Beginn von echter Veränderung.
Denn wenn Eltern bereit sind, ihre eigenen Körperspuren zu erforschen, ihre unterdrückten Gefühle, ihre ungelösten Konflikte, ihre übernommenen Lasten aus der eigenen Herkunftsfamilie –, geschieht etwas Erstaunliches: Das Kind entspannt sich. Ohne dass irgendjemand direkt mit dem Kind „arbeitet“.
Ich erinnere mich an eine Familie, in der die achtjährige Tochter seit Monaten unter Schlafstörungen und nächtlichem Aufschrecken litt. Die Eltern hatten alles versucht: Schlafrituale, Dunkelheit, Aromatherapie, ärztliche Untersuchungen. Nichts half. Im Coaching zeigte sich, dass die Mutter eine eigene, tief sitzende Angst trug, eine Angst, die sie nicht benennen konnte, die aber jede Nacht in ihrem Körper aktiv war. Als die Mutter begann, sich mit dieser Angst auseinanderzusetzen (durch Körperarbeit und Hypnose im Coaching) schlief die Tochter innerhalb von zwei Wochen durch. Ohne dass wir ein einziges Mal mit dem Kind selbst gearbeitet hatten.
Das ist keine Magie. Das ist Systemlogik. Wenn der Seismograph aufhört auszuschlagen, liegt das nicht daran, dass das Gerät repariert wurde, sondern daran, dass die Erde aufgehört hat zu beben.
Wie Familiencoaching wirkt – drei Zugänge
In meiner Arbeit mit Familien verbinde ich drei Zugänge, die sich gegenseitig ergänzen. Nicht als Schema, sondern individuell auf jede Familie abgestimmt:
Den Körper lesen lernen
Mit Körperarbeit und Atemtherapie machen wir sichtbar, was unter der Oberfläche liegt. Wo sitzt die Spannung im Körper der Eltern? Welche Regionen sind chronisch verspannt? Welche Gefühle werden durch bestimmte Berührungen oder Atemübungen freigesetzt? Der Körper erzählt die Geschichte, die der Verstand vergessen hat oder nie in Worte fassen konnte.
Das Ungesagte in Kontakt bringen
Mit Gestaltarbeit und Impulsarbeit holen wir das ins Hier und Jetzt, was zwischen den Familienmitgliedern unausgesprochen ist. Der Satz, den die Mutter nie zu ihrem eigenen Vater gesagt hat. Die Wut, die der Vater seit dreißig Jahren unterdrückt. Die Trauer, die keiner in der Familie fühlen „darf“. Wenn diese Dinge endlich Raum bekommen, verändert sich die Atmosphäre in der Familie und das Kind kann aufhören, sie stellvertretend zu tragen.
Verstrickungen sichtbar machen
Mit systemischer Aufstellungsarbeit wird das unsichtbare Beziehungsgeflecht der Familie greifbar. Wer steht wo? Wer trägt wessen Last? Welche Generationen-Dynamik wirkt in die Gegenwart hinein? Für Eltern ist es oft ein Schlüsselmoment, wenn sie in einer Aufstellung sehen, wie ihr Kind versucht, sie zu entlasten und gleichzeitig spüren, dass es ihrem Kind nur dann besser gehen kann, wenn sie selbst diese Last zurücknehmen.
Sieben Sätze, die euer Familienleben verändern können
Veränderung beginnt oft mit einem einzigen Satz, einem Satz, der eine neue Perspektive öffnet. Hier sind sieben Sätze, die ich Eltern mitgebe. Nicht als Erziehungstipp, sondern als Einladung zum Perspektivwechsel:
1. „Das gehört dir nicht.“
Wenn ihr euer Kind beobachtet und spürt, dass es etwas trägt, das größer ist als es selbst, sagt ihm das. Innerlich oder laut. „Du musst das nicht für mich tragen.“ Allein diese innere Haltung verändert die Dynamik.
2. „Was fühle ich gerade und was fühlt mein Kind für mich?“
Bevor ihr auf das Verhalten eures Kindes reagiert, haltet einen Moment inne. Spürt in euch hinein. Oft entdeckt ihr, dass das Gefühl, das euer Kind zeigt (Wut, Angst, Trauer) genau das Gefühl ist, das ihr selbst gerade unterdrückt.
3. „Was hat das mit meiner eigenen Kindheit zu tun?“
Die Situation, die euch bei eurem Kind triggert, hat fast immer eine Parallele in eurer eigenen Geschichte. Wo habt ihr als Kind das Gleiche erlebt? Was durftet ihr nicht sein, nicht fühlen, nicht sagen?
4. „Mein Kind ist nicht das Problem, es zeigt mir das Problem.“
Dieser Perspektivwechsel ist der entscheidende. Wenn ihr aufhört, euer Kind als das Problem zu sehen, und anfangt, es als Botschafter zu verstehen, verändert sich eure gesamte Beziehung zu ihm.
5. „Ich muss nicht perfekt sein, ich muss ehrlich sein.“
Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die sich zeigen. Die zugeben können, wenn sie überfordert sind. Die sagen: „Ich weiß gerade nicht weiter, aber ich bleibe da.“ Das ist mehr wert als jedes Belohnungssystem.
6. „Was würde sich verändern, wenn ich mich mit meinen eigenen Themen auseinandersetze?“
Diese Frage erfordert Mut. Aber sie ist der Hebel, der alles bewegt. Denn die wirksamste Intervention für ein Kind ist fast immer die Arbeit seiner Eltern an sich selbst.
7. „Ich bin nur das Kind. Das hier ist nicht meine Last.“
Dieser Satz ist aus der systemischen Aufstellungsarbeit. Er ist nicht für euch, er ist für das Kind in euch. Denn oft tragen wir selbst noch Lasten aus unserer eigenen Kindheit, die wir unbewusst an unsere Kinder weitergeben. Erst wenn wir sie bei uns selbst ablegen, kann auch unser Kind sie loslassen.
Wann ihr euch Unterstützung holen solltet
Nicht jedes schwierige Verhalten ist ein systemisches Signal. Kinder entwickeln sich, testen Grenzen, durchleben Phasen. Das gehört dazu. Aber es gibt Zeichen, die darauf hindeuten, dass etwas Tieferes wirkt:
- Körperliche Symptome ohne medizinischen Befund, die immer wiederkehren
- Verhaltensänderungen, die plötzlich auftreten und nicht zu einer bestimmten Situation passen
- Das Gefühl, dass euer Kind etwas „für euch“ trägt, auch wenn ihr es nicht genau benennen könnt
- Muster, die ihr aus eurer eigenen Kindheit kennt und die sich bei eurem Kind wiederholen
- Ungelöste Konflikte in eurer Partnerschaft, die sich auf die Kinder auswirken
- Das leise Gefühl, dass „mehr dahintersteckt“, auch wenn alle sagen, es sei nur eine Phase
Wenn ihr euch in einem oder mehreren dieser Punkte wiedererkennt, ist das kein Zeichen von Versagen. Es ist ein Zeichen von Bewusstsein. Und Bewusstsein ist der erste Schritt.
Euer Kind braucht keine Therapie: Es braucht Eltern, die hinschauen
Das ist vielleicht der unbequemste und gleichzeitig befreiendste Gedanke dieses Beitrags: Die Lösung liegt nicht beim Kind. Euer Kind muss nicht „repariert“ werden. Es muss nicht besser funktionieren, sich besser anpassen, braver sein. Es braucht Eltern, die den Mut haben, bei sich selbst hinzuschauen.
Das ist keine Schuldzuweisung. Im Gegenteil, es ist eine Entlastung. Denn wenn die Ursache nicht im Kind liegt, dann liegt sie auch nicht in eurem Versagen als Eltern. Sie liegt in Mustern, die ihr geerbt habt. In Gefühlen, die nie Raum bekommen haben. In Erfahrungen, die Generationen zurückreichen.
Und genau das macht Hoffnung: Weil Muster, die erkannt werden, verändert werden können. Nicht durch Willenskraft. Nicht durch den hundertsten Erziehungsratgeber. Sondern durch die Bereitschaft, sich dem zu stellen, was unter der Oberfläche liegt. Im eigenen Körper. In der eigenen Geschichte. Im Familiensystem.
Jesper Juul hat einmal gesagt: „Um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, muss ein Kind sich wertvoll für seine Eltern fühlen.“ Und wertvoll fühlt sich ein Kind nicht, wenn es perfekt ist, sondern wenn es gesehen wird. Mit allem, was es zeigt. Auch und gerade mit dem, was „schwierig“ ist.

Ihr wollt verstehen, was euer Kind euch zeigt – und als Familie neue Wege gehen?
Im Coaching für Familien, Kinder und Jugendliche arbeiten wir an dem, was unter der Oberfläche liegt, mit systemischer Aufstellungsarbeit, Gestaltarbeit, Körperarbeit und Hypnose. Ob in meiner Praxis in Hamburg oder online.
Der erste Schritt ist ein unverbindliches, kostenloses Kennenlerngespräch.
Dieser Beitrag bezieht sich auf die Arbeiten von Bernhard Voss, insbesondere sein Buch „Körperspuren – Ursachen körperlicher und psychischer Symptome verstehen und heilen“ (Kösel Verlag, 2020), sowie auf Konzepte der systemischen Familientherapie und die Arbeit von Jesper Juul. Die hier dargestellten Konzepte ersetzen keine ärztliche Diagnostik, psychologische Therapie oder psychiatrische Behandlung.


